Hervé Neukomm

Mit seinem Boot «Pura vida» bereist Hervé Neukomm den Amazonas. Sein Ziel ist das Leben in Harmonie mit dem Dschungel und seinen Bewohnern.

Die Idee entstand unter der unerbittlichen Sonne der Kalahari, Mitten in der Wüste Namibias. Schweissgebadet, durstig und gezeichnet von der Hitze, träumte Hervé Neukomm auf seinem Fahrrad sitzend vom Wasser.

Wasser, wo immer er hinschaut. Es ist sein täglicher Begleiter geworden, sein Freund, sein Feind. Seit 2009 ist der 33-jährige Schweizer mit seinem «Biciboat» auf dem Amazonas und seinen Zu- und Nebenflüssen unterwegs – mit eigener Muskelkraft und völlig autark. Mit seinem Fahrrad ist der Waadtländer von der Schweiz aus losgefahren – durch den Balkan und den Nahen Osten bis nach Südafrika und durch verschiedene Länder Südamerikas. Vielleicht braucht er noch zwei Jahre, bis er im brasilianischen Belem ankommen wird. Vielleicht auch vier. «Anfangs wollte ich in sieben bis acht Monaten in Tibet sein. Mittlerweile sind acht Jahre vergangen und ich war immer noch nicht dort. Aber das macht nichts, es ist nicht mehr wichtig.» Die Zeit hat sich neu definiert.

«Pura vida» heisst das Boot, das sich Hervé Neukomm in Ecuador bauen liess. Sein Fahrrad dient als Antrieb, Solarpanels sorgen für ein wenig Strom. «Pura vida» lautet auch seine Lebensphilosophie: «Jeder Tag ist ein Geschenk, und ich versuche jeden Moment zu geniessen.» Doch schon auf den ersten Kilometern musste Hervé Neukomm lernen, dass der Fluss viel Respekt einfordert. Erfasst von einer Strömung, das Boot im Treibholz verkeilt, kämpfte er um sein Leben. Und nicht nur die Natur birgt ihre Tücken, auch die Einheimischen begegnen ihm zuweilen skeptisch. Die Nachricht, dass ein verrückter Gringo, möglicherweise sogar ein Kopfabschneider, auf dem Fluss unterwegs sei, versetzt manche in Angst und Schrecken. «In den Augen der Leute hier gibt es zwei Kategorien von Menschen: die Guten und die Schlechten. Taucht ein Fremder auf, erwartet man nichts Gutes.»

Oft sind es die kleinen Momente des Alltags, die sich ihm unauslöschlich einprägen: Delfine, die neben seinem Boot auftauchen, der Sonnenuntergang über dem ruhigen Wasser, Kaimane, die nachts Fische jagen. Den Dschungel kennt Hervé Neukomm mittlerweile gut. Selbst im Schlaf nimmt er ungewöhnliche Geräusche sofort wahr. Wie ein Chamäleon passt er sich auch immer wieder an die Gegebenheiten eines Landes, an seine Kultur, an sein Ökosystem an. Der Fluss ist nicht nur seine Nahrungs-, sondern auch seine Kraftquelle geworden. «Je länger ich unterwegs bin, desto stärker, freier und glücklicher fühle ich mich.»

Hervé Neukomm will keine Rekorde brechen, keinen Wettbewerb gewinnen. Er will erfahren, was es heisst, in der freien Wildnis zuhause zu sein. Der Fluss hat ihn vieles gelehrt. Und aus der Reise ist längst das Leben geworden.

Weitere Informationen

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