Jacqueline Maresch

In ihrem «philosophischen Taxi» fährt Jacqueline Maresch Menschen durch Zürichs Nächte und will etwas mehr Humanität in die Welt bringen.

Zur Begrüssung gibts ein «Bettmümpfeli», zum Abschied Philosophie, handgeschrieben auf einem kleinen farbigen Zettel. Dazwischen liegt eine Taxifahrt in Jacqueline Mareschs Honda Shuttle, Kilometerstand 130000.

«Das mit den Sprüchen kam schleichend», sagt Jacqueline Maresch. Erst wars ein einziger, nun zieren die kleinen Plakate den Honda innen wie aussen. «Strassenphilosophie» nennt sie ihre Sammlung von Bonmots, die auf Humanität, Vernunft, Nächstenliebe und Respekt gründen. «Menschlichkeit kann nicht verordnet werden», lautet eine der Weisheiten aus Jacqueline Mareschs Sammelsurium. Eine Stunde täglich widmet sie der Erweiterung ihrer Sprüchesammlung, die sie sorgfältig in Rubriken wie «Gesetze», «Gut gesagt», «Realität» oder «Mensch + Welt» einteilt. Zu finden sind Zitate von Goethe, John F. Kennedy und Tolstoi. Aber auch von Thomas Borer, Franz Müntefering und von unzähligen namenlosen Poeten. Inspirationsquelle sind Nachrichten, Krimis, Talkshows.

«Im Umfeld, in dem ich gross geworden bin, war selbständiges Denken nicht gefragt», sagt die 68-Jährige mit ihrer samtig-rauchigen Stimme. «Als ich 26 war, hatte ich kein bisschen Glanz in meinen Augen.» Resigniert hat sie nicht. Anfangs wohl unbewusst habe sie angefangen, das Leben und die Welt zu studieren. Für sich allein. Jackie, wie sie ihre Freunde nennen, bildet sich nicht ein, mit ihren Zetteln die Welt verbessern zu können. «Mein Beitrag ist es, einen kleinen Samen zu streuen. Wenn daraus etwas wächst, freut mich das.» Etwas Kleines pflanzen, aus dem ein Wunderwerk entsteht, das ist ihr Wunsch. Und Denkanstösse will sie geben, vielleicht ein bisschen Lebenshilfe. Einmal hat sich ein Fahrgast bei ihr bedankt. Ihr Spruch habe ihm die Kraft gegeben, eine längst nicht mehr tragbare Beziehung zu beenden. «Lass dich nicht unterdrücken!» stand auf dem Zettel, den die Taxiphilosophin ihm drei Monate vorher mit auf den Weg gegeben hat. Es gibt auch Leute, die einen Bogen um ihren Wagen machen. Manche sind auch schon wieder ausgestiegen, weil sie Angst hatten, in die Fänge einer Sekte zu gelangen. Über solche Geschichten kann die zweifache Mutter und Grossmutter herzhaft lachen.

Zum Taxifahren ist Jacqueline Maresch durch ihren Vater gekommen, der sein Restaurant verkaufte, um ein Taxigeschäft zu übernehmen. «Ich zahle dir die Fahrprüfung, wenn du für mich fährst», sagte er zur ihr. Das war vor 48 Jahren. Heute ist sie ausschliesslich nachts auf Zürichs Strassen unterwegs. Angst hat sie keine, auch wenn es immer wieder brenzlige Situationen gibt. «Aber was willst du? Entweder du fährst Taxi oder du hast Angst.» Dennoch will sie nicht tagsüber fahren. «In der Nacht ist die Luft ruhig, da kann ich meine Gedanken fliessen lassen. Und die Probleme, die steigen dann einfach in den stillen Luftraum auf.»