Judith Keller

Seit 40 Jahren lebt Judith Keller in Varanasi, Indien. Dort hat die ehemalige Ordensschwester das Kiran-Kinderdorf gegründet.

Der Wunsch, in Indien zu leben, sass seit der Kindheit tief. «Als kleiner Knirps hörte ich, dass die Menschen dort die Kühe anbeten, statt sie zu essen. Das hat mich beeindruckt. Da wollte ich hin.» Die Eltern musste Judith Keller allerdings zuerst mit einer Rebellion, die in einem konsequenten Lernstreik gipfelte, davon überzeugen, dass sie nun doch nicht Lehrerin werden will. Stattdessen bereitete eine Ausbildung zur Krankenschwester sie auf ihre künftige Aufgabe vor. 1972 reiste sie ins Land ihrer Träume, um im Orden der Kleinen Schwestern unter den Ärmsten zu leben. In Varanasi, der heiligen Stadt am Ufer des Ganges, kümmerte sie sich um Leprakranke. Wenn sie heute erzählt, wie sich die Schwestern damals die Zähne an ihrer Eigenwilligkeit ausbissen, lacht sie ihr unbefangenes, herzliches Lachen, in dem zuweilen auch ein Quäntchen Schalk mitschwingt. «Es lag von klein auf in meinem Wesen, den eigenen Weg zu gehen.»

Längst ist Varanasi Judith Kellers Heimat geworden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, behinderten (oder wie sie lieber sagt: anders begabten) Kindern und Jugendlichen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Anfangs waren es vier Kinder, denen sie Schulbildung, Therapie und medizinische Versorgung anbieten konnte. Heute sind es fast 300, die im Kiran Village, zwölf Kilometer ausserhalb Varanasis, zur Schule gehen. Ein ganzes Dorf ist nahe dem Gangesufer unter ihrer Leitung entstanden.

Mit ihrem unermüdlichen Engagement, ihrem charismatischen Wesen und ihrer Authentizität ist es der St. Gallerin gelungen, die Menschen aufzurütteln. Sie hat das Bewusstsein, in der indischen Gesellschaft gestärkt, dass die Integration behinderter Menschen mit all ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen der einzig richtige Weg ist. «Ein Abenteuer des Vertrauens» sei das Kiran für sie. Etwas, das auch immer wieder unvorhergesehene Freuden und Schwierigkeiten mit sich bringt. Am glücklichsten machen sie die Momente, in denen sie die Freude und den Stolz der Eltern spürt, wenn sie sehen, dass ihr Kind Fortschritte macht.

Entscheidend für Judith Kellers weiteres Leben war eine Wallfahrt zur Gangesquelle. Zehn Tage zu Fuss unterwegs mit einer Freundin und einem Hindu-Mönch – in geliehenen Hosen und zu kleinen Schuhen. Nach ihrer Rückkehr wusste sie, dass ihre persönliche Reise nur nach innen gehen kann. Zu ihrem eigenen Kern. Die Quelle ihrer Erfüllung hat sie im einfachen Leben und im Dasein für Schwächere gefunden. Und da schöpft sie auch die Kraft, die sie braucht, um weiter an ihrem Lebenswerk zu bauen.

Weitere Informationen

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